
Wenn eine:r keine Reise tut, dann gibt’s nichts zu erzählen.
Jetzt möchte ich Euch mal erzählen, was mir widerfahren ist. Wobei, von fahren kann eigentlich keine Rede sein, werdet ihr schon noch lesen. Erstmal bin ich ja ohnehin geflogen. Nicht mit so einem großen Airbing oder wie die heißen, nein, mit meinen eigenen Flügeln natürlich. Als magisches Wesen kann ich ja nur von Menschen gesehen werden, die an mich glauben, und deshalb kann ich gefahrlos zwischen diesen ganzen Blechkisten herumkurven. Wenn mir ein Kind zuwinkt, zwinkere ich immer zurück und lache. Die Kinder können das ja auch ruhig ihren Eltern erzählen, die freuen sich dann immer über die rege Fantasie ihrer Kinder, herrlich! Zurück zu meiner Reise, wo ich war und so… Das ist für die meisten hier gar nicht so leicht zu verstehen, den Ort kann man nämlich auch nur erreichen, wenn man (oder frau) an ihn glaubt. Aber ich kann da ja hin, und deswegen konnte ich auch keinen Linienflug nehmen, gibt ja gar keinen Flughafen in der Nähe, und warum ein Taxi nehmen? Was soll ich denn als Ziel angeben? Ne ne, dann gleich auf die eigenen Flügel verlassen. Ich wollte einfach mal vor der ganzen Hektik zum Weihnachtsmann, Glühwein trinken, plauschen und Geschichten tauschen. Da hab ich wohl zu kurz gedacht, der Laden brummt das ganze Jahr über! Kommst Du nur mit Anmeldung und Führung rein. Is also nix mit kurz mal Plätzchen und Punsch bevor es auf den Schlitten geht. Naja, ich habs ja trotzdem geschafft dorthin zu kommen, und auch der Eintritt in den Komplex war kein Problem. Das ist nicht nur mein natürlicher Charme, es zahlt sich aus ab und zu nett zu sein. Hab ja vor ein paar Jahren bei der Schneekatastrophe mal die Schneewehen aus dem Weg gepustet, und ein Flügel wäscht den anderen und so… Ja, Feuer und mächtige Schwingen können auch Gutes bewirken!
Ich also da hin und… boah… was ’ne Anlage sag‘ ich Euch! Kannst Du gar nicht glauben was Menschen alles übersehen können. Naja, egal, ich also an die Pforte ran, klingeln war gar nicht nötig, und wurde gleich begrüßt und erstmal rumgeführt. Unfassbar, sogar für mich. Ich kam mir richtig mickrig vor. Aber jetzt weiß ich bescheid, und das nächste Jahr geht’s dann für mich wieder in Richtung Badespaß, Schwefelbad im Lavasee nehmen und Kohlenstoff bunkern. Ist gut für die Schuppen, lässt sie schön glänzen. Wir haben also die Produktion angeschaut, das Lager, die Rentiere, die Kantine…. sa-gen-haft. So eine weltweite Logistik hat schon was, könnte mich da ja auch mal bewerben. Material holen, Lebensmittel, Werkzeuge, Retouren,…. genau mein Ding. Nur für die Auslieferung, da bestehen sie auf Rentiere. Also, in Florida nehmen sie auch gerne Alligatoren und in Afrika kommen Kraniche vor den Schlitten, aber sonst – nur Rentiere. Echt jetzt. Wo ist die Gleichstellungsbeauftragte, wenn Du mal… aber ich will ja eigentlich gar nicht da hin. Diese Hektik, immer nur schnell-schnell-schneller, das ist nichts für mich, bin ja eher der gemütliche Typ. Als man mich dann jedenfalls wieder hinauskomplimentieren wollte sag ich so „Was ist denn jetzt mit Santa? Wir sind verabredet!“ Und nach viel Rumdruckserei und Verlegenheit durfte ich dann in den Verwaltungstrakt mitkommen. Siehste, geht doch! Naja, irgend so eine Verschwiegenheitserklärung musste ich unterschreiben, wohl von wegen nichts erzählen und so, war alles ein wenig klein geschrieben… aber mal ehrlich, wem soll ich etwas erzählen, und wer glaubt mir denn schon? Lächerlich. Wir sind hier ja unter uns, oder?
Dann ging es jedenfalls endlich zu Santa. Man, eine Runde im Schlitten drehen, so richtig ‚OnAir‘ sein oder wie das heißt. Mit Powerslide durch die Wolken, alles im Drift, von mir aus auch ohne die Leuchtnase. Kam dann aber irgendwie anders.
Als ich da so im großen Büro sitze, übrigens total gemütlich, mit Couch und so, eben ein Ganzjahresarbeitsplatz mit Wohlfühlcharakter, und mir die Wände ansehe, geht die Tür auf. Eine wahnsinnig schöne Frau kommt lächelnd rein. Muskulös, schlank, sportlich, alterslos, einfach toll… Ihre ausgestreckte Hand hätte ich beinahe übersehen. „Hallo, ich bin Sandra. Sandra Klaus. Du wolltest mich sprechen?“ Diese Stimme, einfach nur zum Dahinschmelzen…und, wie bitte? Sandra? Ne, ich wollte zu Santa! „Hach, immer noch der gleiche alte Irrtum da draußen, was?“ Wieder dieses schöne Lächeln, ich bin ganz hin und weg. Aber was ist denn jetzt mit Santa? Dicker Mann, weißer Bart, Du weißt schon, Santa? „Ich muss Dich enttäuschen. Ich bin Sandra. Ich bin die, die Du suchst. Dick seh ich nur durch die vielen Mantelschichten aus. Ist ganz schön kalt da oben. Deswegen auch die tiefe Stimme, immer kurz vor einer Erkältung. Die ganze Zeit Kommandos gegen den Wind schreien, goldene Bücher tragen, Säcke schleppen. Bei der ganzen Plackerei kannst Du doch gar nicht dick werden. Außerdem wollen die Kaminkehrer auch beschäftigt werden, wir nehmen hier ja niemandem die Arbeit weg. Und ich kann herrlich entspannt Schaufensterbummel machen oder am Strand liegen, alle suchen den Dicken Mann mit dem roten Mantel. So, möchtest Du noch einen Tee bevor ich wieder los muss?“ Also… das mit dem Schlitten kam dann irgendwie auch gar mehr so richtig zur Sprache, müssen wohl Winterkufen aufgezogen werden oder was sie noch sagte, hab da gar nicht so richtig zugehört und bin dann auch völlig verdattert wieder weg. Aber immerhin weiß ich jetzt bescheid, und – pssst…. nicht weitersagen, muss unter uns bleiben: Santa gibt es gar nicht. Ist ’ne Sandra. Aber – ich kann ja schweigen. Genießt Weihnachten, Ihr wisst ja jetzt auch bescheid. Ich zwinker mal kurz, bis die Tage dann!

Derweil zwischen Irgendwo und Nirgendwo….
„Ist der Drache weg?“
„Ja, kannst wieder herkommen.“
„Ist ja ein netter Kerl, und hilfsbereit… aber ich kann jetzt nicht mit ihm rumlaufen. Außerdem passt er gar nicht in den Schlitten. Die Magie versagt bei so einer Präsenz einfach.“
„Ja, Santa. Er hat es mir doch abgekauft. Wahrscheinlich verbreitet er jetzt, dass Frau Sandra die ganze Arbeit macht. Lass uns einen Tee trinken, die Schlitten sind gepackt, wir können uns um die letzten Päckchen kümmern. Und dann geht’s ab in den Urlaub!“
Und die Welt dreht sich leise weiter, wie der Schnee leise rieselt.
